#17 CUSCO
MAI-JUNI 2022
Jetzt geht´s bergauf. Unser Weg von Puerto Maldonado führt über unzählige Kurven nach Cusco. Ein mulmiges Gefühl in unseren Bäuchen macht sich breit, einerseits ist das den kurvigen Straßen geschuldet andererseits haben wir ein wenig Respekt vor der Höhe. Wir haben entschieden die Strecke unter zwei Etappen zu meistern. Das erste Ziel ist ein Campingplatz, der Betreiber ist Tscheche der in Deutschland aufgewachsen ist und nun seit über 20 Jahren in Peru lebt. Das klingt spannend, ist es auch, er hat etliche Geschichten zu erzählen. Gut erholt machen wir uns am nächsten Tag auf den Weg in die Inka-Hauptstadt Cusco. Auf dem Weg dahin erreichen wir den höchsten Punkt den wir und unser Bus bis jetzt erreich haben. Die Passhöhe liegt auf 4725 Höhenmeter. Der Motor vom Bus klingt jetzt nicht mehr so kraftvoll wie auf 700 Höhenmeter in Braz. Jetzt klappert alles ein wenig, Flo meint vergleichbar mit einer Nähmaschine oder meinem kleinen Toyota zu Hause. Aber genauso wie der Toyota lässt uns der Bus nicht im Stich und meistert die Höhe problemlos. Schon von der Ferne sehen wir etliche Häuser in der Sonne glitzern. Das muss Cusco sein…
Wie man es von der ehemaligen Hauptstadt des Inka-Reiches erwartet, gibt es in Cusco unzählige Dinge zu entdecken. Wir freuen uns nach der ganzen Natur wieder einmal ein wenig Kultur genießen zu können. Dieser Ort protzt nur so von Geschichte. Auch wenn die Spuren der Inka durch die spanische Kolonialisierung sehr verwischt wurden. Auf den Mauern der ehemaligen Inkapaläste und Inkatempel erheben sich nun katholische Kirchen und Residenzen der Spanier. Für Flo ein gefundenes Fressen um darüber zu wettern, was die Katholiken wieder angestellt haben. Während wir die engen Gässchen auf und ab laufen unterhalten wir uns viel darüber was „wir“ Europäer wieder Alles auf der Welt verbrochen haben. Aber Karma scheint auch in Südamerika zu funktionieren. Bei unzähligen Erdbeben wurden hier spanische Kirchen und Residenzen beschädigt, oft sind sie sogar komplett eingestürzt, während die Inkamauern dem Schütteln locker standhielten. Erstaunlich ist das die Peruaner trotz allen Widerständen in der Vergangenheit ihre Herkunft nicht vergessen. Nein sie sind sogar stolz darauf von ihren Eltern Quechua gelernt zu haben, stolz auf ihre hunderte Kartoffelsorten und den herausfordernden Ackerbau auf unvorstellbaren Höhen. Besonders von den Frauen bin ich unglaublich fasziniert. Das Adjektiv „stark“ tritt es wohl am besten. Wir sehen wie alte Damen mit schweren Lasten in einem einfach Stofftuch auf dem Buckel über steile Wege marschieren als wären sie noch frische 20 Jahre alt. Junge Mütter die ein Kind auf dem Rücken tragen, das andere an der Hand halten und nebenbei noch einen Laden managen. Vor allem in der ländlichen Gegend sieht man Frauen die sich um den Haushalt kümmern, die wenigen Schafe hüten und nebenbei noch die Mais-, Amaranth- und Kartoffelfelder bewirten. Echte Vorbilder, ausdauernde und zähe Frauen. Daher werden die Menschen hier wahrscheinlich auch so alt. Noch dazu sind sie Selbstversorger, hier in den kleinen Andendörfern juckt es niemand ob das Gas gerade knapp ist oder die Weizenlieferung verspätet kommt. Ich bin überzeugt, wenn die Welt untergeht sitzen die Menschen hier noch gelassen vor ihren einfachen Hütten und leben getrost weiter.
Stichwort Weltuntergang. Während der wunderbaren Zeit über den Dächern von Cusco bahnt sich für uns ein kleiner Weltuntergang an. Der erste Schaden am Auto. Radlager hinten links. Flo hat das Problem gleich erkannt und wir haben die nächste VW-Werkstatt angesteuert. Nach langem Wortwechsel, aufbocken vom Auto und Probefahrt wurde Florians Analyse vertrauen geschenkt. Sie bestätigten das es das Radlager sei, nun gut, die Teile werden bestellt und sind in einer Woche da. Der erste Schreck – das wird teuer. Aber auch hier haben die netten Mitarbeiter erbarmen mit uns. Sie besorgen uns nicht das teurere importierte Originalteil, sondern ein günstigeres Zubehör. Auch wenn wir zuerst ein wenig zögern, entscheiden wir uns das günstigere Teil einzubauen und darauf zu hoffen, dass es kein „Glump“ ist. In einer Woche sollen wir früh morgens kommen, dann können wir das reparierte Fahrzeug abends wieder mitnehmen. Gesagt, getan. Eine Woche später stehen wir pünktlich vor dem Werkstatttor. Das Auto wird gleich erfasst, wir können es um 15:00 Uhr wieder abholen kommen. Wir sehen ihnen noch ein wenig beim Arbeiten zu und gehen gegen Mittag etwas essen. Als wir um 14:00 Uhr zurück kommen sehe ich in Flos Gesicht schon Zweifel. Ob sie das bis abends fertig bekommen… Als wir nachfragen wird uns mitgeteilt das das Auto erst morgen Nachmittag fertig werden sollte. Wieder ein Rückschlag. Ein gefühlt ewiges hin und her in schlechtem spanisch spielt sich zwischen mir und dem Mechaniker ab. Uns wurde versichert das Auto ganz sicher abends mitnehmen zu können. Jetzt ist die Situation aber anders und wir müssen eine Lösung finden. Wo schlafen wir heute Nacht? Die Werkstatt ist so nett und besorgt uns ein Zimmer ums Eck in einem Hotel. So weit so gut, wir packen unsere Zahnbürste und machen uns auf den Weg ins Hotel. Wir sind ja nicht zimperlich, das Hotel ist eher ein Hostel und das Zimmer sieht aus wie im Puff. Dennoch sind wir dankbar das es sauber ist und das die Kosten übernommen werden. Daher wird nicht gejammert. Aber als wir nachts mit Jeanshose und Daunenjacke im Bett liegen da es so kalt ist, fließen die ersten Tränen der Verzweiflung. Ich gehen an die Rezeption und frage nach einer Heizung, wenige Minuten später wird uns eine dünne Stoffdecke aufs Zimmer gebracht. Spätestens hier müssen wir wieder lachen und bringen die eisige Nacht hinter uns. Am nächsten Tag klappt alles wie versprochen und wir können den Bus abholen. Wir sind heilfroh unseren Bus wieder zu haben und schätzen ihn nach dieser ungemütlichen Nacht mehr als jemals zuvor.
Nach diesen aufregenden Tagen gönnen wir uns noch ein wenig Ruhe. Wir spazieren jeden Tag in die Altstadt. Schlendern Gässchen auf und ab, besuchen Museen und Archäologische Stätten. Am Campingplatz lernen wir wunderbare Menschen mit reichlich Reise- & Lebenserfahrung kennen. Aber nach 20 Tagen merken wir, wir wollen weiter. Die Zeit in Cusco war besonders für uns, hier hat sich das geborgene Gefühl von Heimat in uns breit gemacht. Aber bevor wir zu sentimental werden und Heimweh bekommen reisen wir schnell weiter. Wir freuen uns wieder auf der Straße unterwegs zu sein. Weiter geht’s…