#15 RONDONIA, ACRE
MAI 2022
Wir tasten uns langsam Richtung Norden vor. Brasilien ist einfach riesig, es ist für uns unmöglich das ganze Land zu erkunden vor allem, weil wir eine unverhältnismäßig kurze Aufenthaltsdauer haben. Wenn wir länger als erlaubt im Land bleiben muss der Bus verzollt werden, das können und wollen wir uns nicht leisten. Daher müssen wir entscheiden wo uns unsere verbleibende Zeit hinführen soll. Die Süd-Küste kommt für uns nicht in Frage, da es mit dem Bus einfach kompliziert und gefährlich ist in Städte wie Sao Paolo oder Rio de Janeiro zu fahren. Es wird bestimmt nicht unsere letzte Brasilien-Reise sein, daher haben wir und schnell entschieden diese Städte mit einer Flugreise zu verbinden. Wir müssen auf dem Weg nach Dreizehnlinden sowieso mehrmals Zwischenlanden, dann kann man die Stopps gleich einplanen. Zur Nord-Küste haben wir es leider nicht geschafft, weil die Distanz zu groß ist, es wäre aber wundervoll gewesen noch ein ganz anderes Brasilien kennen zu lernen. Irgendetwas müssen wir uns ja übrig lassen für´s nächste Mal 😊.
So zieht es uns Richtung Amazonas. Der Plan ist über die Bundesländer Rondonia und Acre in die Stadt Porto Velho zu fahren und von dort soll es bis zur Amazonas-Hauptstadt Manaus gehen. Wir hören schon von Einigen das die B12, die Straße die nach Manaus führt in schlechtem Zustand ist. Wir entscheiden uns bis Porto Velho zu fahren und uns dort vor Ort zu erkunden ob die Straße machbar ist.
In Rondonia und Acre gibt es leider nicht viel zu sehen. Hier ist absolut keine Touristenregion. Es ist schwer für uns Stellplätze zu finden. Es gibt keine Campingplätze, wenig Hotels, nicht mal richtige Orte. Wir übernachten an Tankstellen oder vor Polizeistationen. Die Leute leben hier ganz anders, die meisten wohnen in einfachen Bretterhütten, oft ohne fließend Wasser dafür aber immer mit riesiger Satellitenschüssel auf dem Dach. Jeder hat verschiedene Prioritäten… Man merkt hier einen gewaltigen Unterschied zu Süd-Brasilien. Besonders Acre wird von Brasilien stark vernachlässigt. Acre liegt abgeschottet vom Amazonas am Rand von Brasilien, war dazu noch früher ein Teil vom Bolivien, man kümmert sich nicht um die Leute. Die Staatseinnahmen reichen nicht mal aus um die eigenen Beamten zu zahlen. Diese Bedingungen fördern natürlich Kriminalität, wir spüren das leider auch. Vor allem die Drogen haben dieses Gebiet in der Hand. Es ist nichts vorgefallen aber jeder kennt dieses komische, ungute Bauchgefühl. Leider hatten wir dieses Gefühl sogar tagsüber. Ich habe kaum Fotos gemacht, da ich mich unwohl gefühlt habe mit dem Handy zu fotografieren, geschweige denn mit der Fotokamera. Ebenso finde ich es nicht fair als „reicher“ Europäer hier her zu reisen und Fotos von den für uns ärmlichen Lebensbedingungen zu machen. Ich hatte zu Hause schon einen Konflikt mit mir selbst in Länder zu reisen die es schwerer haben als wir in Österreich. Ist das richtig? Was denken die Menschen, wenn ich die fröhlich vor mich hinreise und sie oft nicht mal genug zum Überleben haben? Kann ich die Menschen irgendwie unterstützen? Alle sprechen von Klimaschutz und wir verschiffen unser Auto auf die andere Seite der Welt „nur“ um zu reisen? Hier holen mich diese Gedanken wieder ein...
Auch wenn ich noch keine Antwort gefunden habe versuche ich einen Kompromiss zu finden. Wir treten den Menschen mit großen Respekt entgegen. Wenn ein Bauer mit wenigen Kartoffeln oder Zwiebel am Straßenrand steht, halten wir an und kaufen ihm etwas ab. Wer vernünftig reist, stärkt die lokale Wirtschaft. Wer seine Souvenirs nicht bei Ketten kauft, sondern bei lokalen Kunsthandwerkern, ermöglicht ihnen gesellschaftlichen Aufstieg. Eine Reise in diesen Ländern ist für uns keinesfalls noble Wohltat, es ist auch kein Ausnutzen von Schwächeren. Entgegen vieler Meinungen der Einheimischen leben wir zu Hause auch nicht im Paradies. Natürlich haben wir es wunderschön, sicher und komfortabel in Österreich, dennoch arbeiten wir hart. Um uns diese Reise zu ermöglichen haben wir uns über Jahre durch unseren Vollzeitjob plus Nebenjob was angespart. Manchmal fühlt es sich unfair an als reicher Europäer abgestempelt zu werden, vor allem als junges Paar, kann man die Gedanken schon regelrecht hören, dass hier der Papa die goldene Kreditkarte mitgeschickt hat. Wir versuchen einen Mittelweg zu finden, die Menschen hier mit den uns möglichen Mitteln zu unterstützen, viel von ihrer Lebensweise zu lernen und dennoch unseren Standpunkt zu verteidigen. Außerdem können wir viel für unsere Überflussgesellschaft mitnehmen. Mit jeder Erfahrung aus diesen Ländern wachsen in uns das Gefühl der Demut und des Respekts für die Menschen, die ihr Leben trotz der beschwerlichen Bedingungen meistern. Wir bewundern oft wie zufrieden und glücklich diese Menschen sind. Und stellen fest wie unzufrieden wir sind, obwohl es uns an nichts fehlt. Unseren Alltag daheim setzen wir bestimmt dankbarer und bewusster fort. Wir hoffen unsere eigene Heimat schätzen zu lernen und unsere Gedanken und Erfahrungen an Andere weiter zu geben.
Weg von dem Blabla was sich in unseren Köpfen abspielt – wieder hin zur Wirklichkeit…
Ein weiterer Rückschlag, unser Plan nach Manaus zu fahren müssen wir schweren Herzens auch aufgeben. Die Straße ist nicht befahrbar da sie in so miserablen Zustand ist. Die einzige Möglichkeit ist es auf dem Fluss Rio Madeira mit einer Fähre in den Amazonas zu fahren. Das klingt ganz wundervoll ist aber leider sehr teuer. Die Macht gilt zwei Bootsunternehmen, die durch Korruption ihre Imperien aufrechterhalten können. Niemand anders hat die Möglichkeit eine Firma zu gründen und ohne Konkurrenz können sie die Preise willkürlich festlegen. Leider für uns nicht leistbar.
Wir verlassen fast gezwungen Acre und Rondonia, wir müde sind von den unruhigen Nächten, mehrere Tage ohne Dusche, den löchrigen Straßen und der schwülen Amazonashitze. Daher entscheiden wir uns Brasilien zu verlassen und langsam Richtung Peru zu reisen.
Schade denn die Natur, die Menschen, die ganze Region hätte hier so viel zu bieten…